Was können Patienten vom Gesundheitswesen noch erwarten?

1. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik kritisiert Reform des Gesundheitswesens

Rohrkrepierer erster Güte – so nannte der Freiburger Finanzexperte Prof. Bernd Raffelhüschen, was die Regierung für das zukünftige Gesundheitswesen als Gesundheitsreform vorgelegt hat. Raffelhüschen war einer der renommierten Experten für Gesundheitsökonomie, die sich am 5. Juli 2006 zum „1. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik“ trafen. Die öffentliche Veranstaltungsreihe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE unter Moderation von Prof. Dr. med. Matthias Augustin soll die Diskussionen und Entscheidungen in der Gesundheitspolitik kritisch zu begleiten. Die Kernfrage der Premieren-Veranstaltung drehte sich um das deutsche Gesundheitswesen: „Was können Patienten von unserem Gesundheitswesen noch erwarten?“

Referenten

Welche Zukunft hat das deutsche Gesundheitswesen?

Die künftige Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens steht in Frage. Die gesundheitsökonomischen Rahmenbedingungen erscheinen denkbar ungünstig für die Einhaltung des Generationenvertrags:

  • Ausgabesteigerungen,
  • die schlechte Lage am Arbeitsmarkt,
  • die demografische Entwicklung,
  • Anspruchsinflation auf allen Seiten,
  • wenig Innovationsbereitschaft im Prozessbereich.

Eine Reform des Gesundheitswesens ist unumgänglich – aber wie? In Minischritten wie von der Bundesregierung vorgeschlagen? Der „Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik“ beleuchtet Entscheidungsgrundlagen und macht die Gesundheitspolitik damit transparenter. An der demographischen Entwicklung lässt sich nichts ändern. Es geht vielmehr darum, mit dem Gesundheitssystem die Gesundheitsversorgung und deren Finanzierung für alle Bürger so sozialverträglich wie möglich zu machen.

Von der Pyramide zum Pilz –das Gesundheitswesen 2030

Im Jahr 2030 werden die Leistungsempfänger den Beitragszahlern zur gesetzliche Krankenversicherung zahlenmäßig weit überlegen sein. Raffelhüschen proklamiert, dass dieser Fakt den GKVen lange bekannt ist - ergebnislos. „Die GKVen bräuchten eine Rücklagenbildung in Höhe von 1,8 Billionen Euro, um das auf sie Zukommende zu finanzieren, rechnet er vor. Da könne nur eine staatliche Rationierung helfen – etwa per jährlichem Selbstbehalt, Förderung der Eigenverantwortung, Streichung bestimmter Leistungen wie etwa zahnärztlicher Behandlungen und mehr Wettbewerb innerhalb der Institutionen im Gesundheitswesen. DAK-Chef Rebscher sieht die gesellschaftlichen Veränderungen ähnlich, warnt aber vor einer kapitalgedeckten Anlageform, die das gleiche Risiko hätte wie eine beitragsgedeckte. Rebscher betont, dass das Gesundheitswesen ohne einen konstruktiven Finanzierungsplan der Regierung den Bach abgeht. Die GKVen selbst sieht er als weitgehend handlungsunfähig.

Gesundheitsreform: Gesundheitsökonomie knebelt das Gesundheitswesen

Ärztekammerpräsident Dr. Michael Reusch bemängelt an Rebschers Ausführungen zum Gesundheitswesen den fehlenden Blick auf die Verwaltungskosten der großen GKVen. Reusch: „Die Kosten für ärztliche Behandlungen sind seit Jahren rückläufig – ganz im Gegensatz zu den Verwaltungskosten.“ Unabhängig davon sieht Reusch die Ärzteschaft durch das GKV-System in immer engere Mauern eingezwängt. „Die Kassen haben jedem der 147.000 niedergelassenen Ärzte zugestimmt. Da kann man jetzt nicht am Bedarf herumkritisieren. Auch das System der für Patienten undurchsichtigen Punktebewertung, das nichts mit der tatsächlichen ärztlichen Leistung zu tun hat, haben sich ganz sicher nicht die Ärzte ausgedacht.“ Reusch betont, dass die Politik entscheiden muss, wie viel Medizin für den Einzelnen im Gesundheitswesen sein soll – und spricht sich für den Selbstbehalt aus.

Das Gesundheitswesen braucht verbraucherfreundliche Bedingungen

Auch der Patienten-Vertreter Dr. Stefan Etgeton von der Verbraucherzentrale Bundesverband plädiert für deutlich mehr Transparenz und Wahlfreiheit im Gesundheitswesen. Verantwortung könne man vom Versicherten aber nur erwarten, wenn er auch etwas zu verantworten, sprich: Wahlmöglichkeiten hat. Das bedeutet beispielsweise: Wettbewerb um Qualität, nicht nur um Gesundheitsökonomie, etwa durch

  • eine unabhängige Instanz wie eine Art TÜV zur Erfassung der Qualität,
  • Vorrang für nachhaltige Ertragsziele,
  • Erhaltung der Wahloptionen für Versicherte (Krankenkassen) und Patienten (Ärzte, Krankenhäuser u.s.w.),
  • Transparenz der Verträge und Leistungen.

Wenn man den Patienten zum Ko-Produzenten im Gesundheitswesen macht, und die Kostenerstattung unter solidarische und verbraucherfreundliche Bedingungen stellt, kann damit allen Seiten geholfen werden, so Etgeton.

Prof. Augustin, betrachtete die Frage der Patienten-Erwartungen unter dem Indikator „Lebensqualität“: Das Gesundheitswesen in Deutschland hat immer noch die höchste Leistungsfähigkeit im Ländervergleich. Schränkt man diese Leistungsfähigkeit ein, um Kosten zu sparen, wird das zunehmende Wartezeiten und längere Suche nach Anbietern, die Einschränkung der Wahloptionen durch Direktverträge, den verzögerten Zugang zu Innovationen bzw. den beschränkteren Zugang zu Arzneimitteln bedeuten. Augustin vermutet, dass die Einschränkung der Versorgungs- und Lebensqualität die Gesundheitskosten eher erhöhen wird und plädiert für eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik.

Am Ende des „1. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik“ waren sich alle zumindest über die Vorschläge der Regierung zur Gesundheitsreform einig: Das ist ein echter Betriebsunfall für das Gesundheitswesen. Nicht evidenzbasiert, perspektivlos, planlos, halbherzig und nicht einmal als Kompromiss der Parteien zu erkennen.

Flyer zur Veranstaltung

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