Morbus Internet oder Dr. Google – Vor- und Nachteile der Internetmedizin

16. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik hinterfragt Beratungskompetenz von Dr. Google

Mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland – also jeder Zweite – befragen regelmäßig Dr. Google & Co. zu Gesundheitsthemen. Was das Thema E-Health für Mediziner und Apotheken bedeutet, diskutierte der 16. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik. Dem Auditorium von über 200 Zuhörern bot sich ein Feuerwerk an Argumenten für und wider die Internetmedizin. Fest stand im Anschluss: Ohne den Arzt als Dialogpartner wird es auch zukünftig nicht gehen. Der aber sollte sich mit seinem allzeit ansprechbaren Assistenten Dr. Google arrangieren.

Referenten

Bahnt die Profitgier im Gesundheitswesen Dr. Google den Weg?

Dr. Werner Bartens, Mediziner und vielbeachteter Autor, prangert an, dass Beteiligte am Gesundheitswesen immer auf der Suche nach mehr Profit sind – was zu mangelndem Vertrauen in den Arzt führe. Es würden Grenzwerte gesenkt, um Gesunde zu Kranken zu machen, neue Krankheiten erfunden, um Nachfrage zu stimulieren, unnötige oder sinnlose Untersuchungen durchgeführt, um abrechnen zu können, und eher eine Magensonde gelegt, als einen kranken, langsam Essenden zu füttern. Der mündige Patient zweifle zunehmend an der Aussage des Arztes. Tut der Rat dem Patienten gut oder dem Gesundheitssystem? In einer ökonomisierten Medizin fehlt laut Dr. Bartens die Patientenfürsorge. Diese haben das Gefühl, nicht richtig wahrgenommen zu werden. Hilfe, die in erster Linie Schein-Hilfe ist, findet sich im E-Health – und bei Dr. Google.

Cyberchondria – Dr. Google bringt neue Krankheiten hervor

Das Internet für Gesundheitsthemen abschalten? Eine illusorische Idee. An Dr. Google führt demnach kein Weg vorbei. Das Problem sieht Walter Plassmann von der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg vor allem darin, dass mündige Patienten mit Diagnosen und schnellen Abfertigungen beim Arzt alleine gelassen werden. Also recherchieren sie online. Die Chance, dadurch mehr krank als gesund zu werden, ist groß. Plassmann beschreibt das Netz als einen großen Mülleimer, in dem immer auch noch etwas Gutes steckt – man müsse es nur finden. Er plädiert dafür, dass Ärzte die Internetmedizin konkret in ihre Therapie integrieren und den Patienten auf verlässliche Informationsquellen hinweisen. „Die Bezeichnung „Heil-Kunst“ hat viel mit digitalisierbaren Werten zu tun: Vertrauen, Zuwendung, Glaube“, so Plassmann über die Internetmedizin.

Internetmedizin – wie aus Ausschlag eine gefährliche Krankheit wird

Qualifiziert, aber verständlich aufbereitete Erklärungen: Das ist das Erfolgsrezept von „Dr. Johannes“, dessen medizinische Internet-Videos Klickraten generieren, von denen Werbetreibende träumen. Der Arzt, der heiter und verständlich die medizinischen Hintergründe der häufigsten Erkrankungen erklärt, ist Dr. Johannes Wimmer. Dr. Wimmer arbeitet in der Notaufnahme einer Hamburger Klinik und kennt das Dilemma zwischen Zeitmangel und dem unbeeinflussbaren Google-Algorithmus. Da ist es schnell passiert: Der Patient googelt „Fieber“ und „Hautausschlag“ und landet panisch mit der Diagnose „Rocky Mountain spotted fever“ beim Arzt. „Mir geht es um die Patienten-Reise. Dr. Google ist immer da. Warum sollte er also nicht die Basisinformationen über Arthrose oder Erkältungskrank­heiten vermitteln“, fragt Dr. Wimmer. Und weiter: „ Wenn Content King ist, ist Kontext Queen – und wir alle wissen, wer die Hosen an hat.“ Dr. Wimmer liefert nach eigener Einschätzung mit seiner Internetmedizin 10 Prozent Inhaltstiefe für 100 Prozent der Menschen. Die individuelle Behandlung eines sachlich richtig vorinformierten Patienten liegt dann beim Arzt. Wimmer: „Ärzte können sich durch digitale Vorab­informationen mehr Freiräume schaffen und hätten mehr Zeit für individuelle Anliegen des Patienten.“

Was hält der Apotheker von Kollege Dr. Google?

Kai-Peter Siemsen, Apotheker und Präsident der Apothekenkammer Hamburg, sieht keinen Sinn in der Ablehnung der Internetmedizin. Im Gegenteil: Man müsse dafür sorgen, dass der Patient oder Apothekenkunde gute Information von interessengeleiteten Auskünften und Trash unterscheiden könne. Und begreife, dass Dr. Google nicht auf Basis des hippokratischen Eids arbeite. Den vorinfomierten Patienten betrachtet er eher als Vorteil. Dieser hat sich mit seiner Krankheit bereits beschäftigt. Das sei die beste Ausgangssituation für ein gutes Gespräch mit Arzt oder Apotheker. Fakt ist also: Dr. Google kann unterstützen, aber nicht das persönliche Gespräch ersetzen.

Flyer zur Veranstaltung

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