Medizin von morgen

Wohin steuert die Medizin? 10. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik wirft Blick in die Zukunft

Welche Zukunftschancen hat die Medizin? Wird es dem System gelingen, eine immer älter werdende Bevölkerung umfassend und gerecht zu versorgen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Jubiläumsveranstaltung des Eppendorfer Dialogs zur Gesundheitspolitik. Zum nunmehr 10. Mal fand die Veranstaltung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) statt und wurde von Prof. Matthias Augustin moderiert. Gewohnt hochrangige Referenten aus Politik, Medizin, Pharmazie und Forschung brachten interessante Vorschläge für die Behandlung des „Patienten Gesundheitssystem“ ein – und warfen einen Blick in die Zukunft der Medizin.

Referenten

Strukturinnovationen in der Medizin den Vorzug vor Produktinnovationen geben

Die Ziele der Gesundheitspolitik seien nicht immer nachvollziehbar – so die überraschende Einleitung von Gesundheits-Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks. Die Vielzahl an Gesundheitsreformen wertet sie allerdings als Ausdruck politischer Realitäten: Anstelle unsicherer und kostenintensiver Revolutionen der Medizin versuche man, das Gesundheitssystem im Wege der Evolution zu verbessern. Ihre Kernforderung: Strukturinnovationen den Vorzug vor Produktinnovationen geben.

Für eine bestmögliche Qualität der Medizin-Versorgung müssten Schwerpunktpraxen sowie integrierte Versorgungsangebote gefördert und eine leitliniengeprägte Medizin in den Vordergrund gestellt werden. Im Fazit sieht die Senatorin die Zukunftschancen der Medizin vor allem in

  • verstärkter Prävention,
  • neuen Versorgungsformen wie den Disease-Management-Programmen und
  • Selektivverträgen, in deren Rahmen Arzneimittel- und Medizintechnik-Innovationen mit dem organisatorischen Fortschritt zusammengeführt werden.

Innovationen der Medizin – zum Wohle der Menschheit

Das Lebenswerk von Prof. Dr. Harald zur Hausen (Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg) kennzeichnet die Beharrlichkeit, die ein Forscher aufbringen muss, damit aus einer Vision eine tragfähige medizinische Innovation wird. Der Nobelpreisträger der Medizin stellt seinen jahrzehntelangen Erkenntnisweg zum Nachweis des Zusammenhangs von Zervixkarzinomen und Humanen Papilloma-Viren (HPV) vor. Zur Hausen gelang der Nachweis, dass die viralen Onkogene E6 und E7 grundsätzlich in den Krebszellen aktiv sind, die Viren aber parallel ihre Replikationsfähigkeit verlieren. Damit konnte zur Hausen seine lange als exzentrisch geltende These der viralen Ursache spezieller Krebsarten beweisen. Im Jahr 2006 wurde in Deutschland ein HPV-Impfstoff zugelassen, dessen Schutzeffekt für sexuell noch nicht aktive Frauen bei annähernd 100% liegt. Als lohnendes Forschungsgebiet in der Medizin definiert er die Untersuchung von Viren, die bei Haustieren symptomfrei auftreten, bei der Übertragung auf Menschen aber Krebs erzeugen.

Das Potential bewährter Arzneimittel für die Zukunft der Medizin

In Reaktion auf die Vorbehalte von Senatorin Prüfer-Storcks gegen Produktinnovationen hält Prof. Dr. Barbara Sickmüller (BPI) ein Plädoyer für sogenannte Schrittinnovationen in der Medizin. Die Forschung an bewährten Substanzen, deren Qualitäten, Pharmakologie, aber auch Nebenwirkungen überwiegend bekannt seien, biete Patienten wie Industrie eine erhöhte Sicherheit und werde deshalb zu Unrecht abqualifiziert.

Ein Großteil der heutigen Therapiestandards sei als Weiterentwicklung bewährter Substanzen entstanden. Statt aber die entsprechende Forschung zu unterstützen, werden die Arzneimittel in Folge des AMNOG dem Festbetragssystem zugeführt. Die Neuregelung im SGB V (§ 129 Abs. 2) sieht die Substitution eines Arzneimittels durch ein wirkstoffgleiches Präparat vor, wenn beide Arzneimittel für irgendeine gemeinsame Indikation zugelassen sind. Mit fatalen Folgen: „Off-Label-Use führt dazu, dass forschende Unternehmen den Markt für die Konkurrenz erschließen“, so Sickmüller. Das sei kontraproduktiv für die Firmen und kritisch für die Therapiesicherheit: Ihre Forderung für die Zukunft der Medizin: Eine Ausnahmeregelung von der Festbetragsgruppenbildung.

Prof. Glaeske zur Zukunft der Medizin

Versorgungsforscher Prof. Dr. Gerd Glaeske sieht die zukunftsweisende Aufgabe des Gesundheitssystems in der Überwindung von Koordinations- und Kooperationsdefiziten zugunsten von Zusammenhalt und Austausch. Zu der Frage der Finanzierbarkeit der Medizin stellt Glaeske klar: „Die Annahme, dass wir eine Ausgabenexplosion haben, ist vollkommen falsch. Vielmehr handelt es sich um eine Einnahmeimplosion durch die demografische Entwicklung, Arbeitslosigkeit und Frühverrentung mit der Folge eines bedrohlich steigenden Altenquotienten.“ Zur Behandlung der Krankheiten des Systems fordert Glaeske stärkeren Wettbewerb durch transparente Behandlungsalternativen und eine rechtliche Absicherung nichtärztlicher Leistungserbringer, Chronic Care-Modelle, Selektivverträge und definierte Forschungsgelder zur Weiterentwicklung des Systems. Er rät dringend zu einer sektorübergreifenden, patientenorientierten Medizin.

Forderung: effiziente wie finanzierbare Medizin

Die Forderung von Prof. Dr. Jörg F. Debatin (UKE): eine effiziente wie finanzierbare Medizin. Seit 2006 veröffentlicht das UKE alle Daten, die an die Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung gemeldet werden. Diese Transparenz schafft beim Patienten Vertrauen und hilft der Klinik, sich auf ihre Kernkompetenzen zu spezialisieren. So erreicht das UKE etwa bei der Behandlung primärer Prostatakarzinome einen Marktanteil von über 10% in Deutschland. Die größten Effizienzreserven prophezeit Debatin beim Einsatz neuer Kommunikationswerkzeuge. Im papierlosen Klinikprozess des UKE hat heute jeder beteiligte Arzt auf Knopfdruck Einblick in alle Labordaten, Röntgenreports, CTs, MRTs etc. Die Visualisierung verbessert die Qualität der Visite und integriert den Patienten in die medizinische Entscheidungsfindung. Auch Home-Health-Systeme wie z. B. ein telemedizinisches Projekt zur Behandlung chronischer

Wunden im Zuständigkeitsbereich von Prof. Augustin ist visionär. Dessen Team erhalte zu definierten Terminen Wund-Fotos seiner Patienten und könne mit geringem Zeitaufwand Veränderungen analysieren und Therapieempfehlungen geben. Die Kostenersparnis bei zugleich enorm verbesserten Heilchancen sei gewaltig. Im Bereich der Medizin-Forschung sieht die Bilanz anders aus: Sensationelle Forschungserfolge in der Medizin wie die Züchtung von Herzmuskelgewebe könne es nicht billig geben. Debatins Resümee fällt trotzdem positiv aus. Alles in allem würden sich Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit erhöhen – so sein Blick auf die Zukunft der Medizin.

Fazit zur Zukunft der Medizin

Ohne Frage bietet das deutsche Gesundheitssystem multiple Zukunftschancen. Es gibt weniger Nachholbedarf bei der Entwicklung therapeutischer Möglichkeiten als bei deren effizienter Koordination. Ein Erfolgsfaktor der zukünftigen medizinischen Versorgung wird die Schaffung von Anreizen für Qualität und höhere Leistungen sein. Außerdem muss die Forschung – insbesondere die Versorgungsforschung – gestärkt werden. Zu guter Letzt braucht unsere Medizin Mut:

  • den Mut der Politik zu Lernkurven und Maßnahmen mit Nebenwirkungen,
  • den Mut der Versorgungseinheiten zu mehr Transparenz,
  • den Mut der Ärzteschaft, neue Wege zu gehen und
  • den Mut aller Beteiligten des Gesundheitswesens, an den eigenen Visionen festzuhalten und gegen alle Widerstände für ihre Anerkennung und Umsetzung zu kämpfen.

Flyer zur Veranstaltung

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